Die Antwort zuerst: Der Mittelwert beschreibt den Markt, nicht den einzelnen Standort
Stadtwerke sollten die aktuellen Ausbauzahlen zum öffentlichen Ladenetz als Marktsignal nutzen, ihre Standortentscheidungen aber nicht aus bundesweiten Durchschnittswerten ableiten. Der BDEW berichtet im 9. Elektromobilitätsmonitor von mehr als 220.000 öffentlichen Ladepunkten mit insgesamt über elf Gigawatt installierter Ladeleistung. Gleichzeitig seien im ersten Halbjahr 2026 durchschnittlich 13 Prozent der Ladepunkte zeitgleich belegt gewesen. Diese Kennzahlen zeigen, dass ein großes Angebot vorhanden ist und im Mittel Reserven bestehen. Sie sagen noch nicht, ob ein bestimmter Ladepark zur richtigen Zeit am richtigen Ort verfügbar ist.
Für einen kommunalen Betreiber ist deshalb die Verteilung entscheidend. Ein Standort kann morgens leer und am Freitagnachmittag überlastet sein. Ein anderer hat viele Ladevorgänge, aber kurze Standzeiten. Ein dritter ist technisch verfügbar, wird jedoch wegen unklarer Preise oder schlechter Auffindbarkeit gemieden. Der Durchschnitt über alle Ladepunkte glättet genau jene Muster, die für Betrieb, Netz und Kundenservice relevant sind.
Belegung, Nutzung und Energieabsatz sind verschiedene Größen
Eine Belegungsquote beschreibt, wie viele Ladepunkte in einem betrachteten Zeitraum gleichzeitig genutzt werden. Sie ist nicht identisch mit der Zahl der Ladevorgänge, der abgegebenen Energiemenge oder dem wirtschaftlichen Deckungsbeitrag. Ein Schnellladepunkt kann in kurzer Zeit viel Energie abgeben und anschließend wieder frei sein. Ein AC-Ladepunkt kann lange belegt sein, obwohl die aktuelle Ladeleistung gering ist oder das Fahrzeug bereits vollgeladen wurde.
Stadtwerke sollten daher mindestens vier Größen getrennt führen: belegte Zeit, aktive Ladezeit, abgegebene Kilowattstunden und verfügbare technische Leistung. Ergänzend gehören Störungen, abgebrochene Vorgänge und blockierte Stellplätze in die Betrachtung. Erst diese Kombination zeigt, ob geringe Auslastung auf ausreichendes Angebot, einen unpassenden Standort, technische Probleme oder eine frühe Marktphase zurückgeht.
Zeit und Ort müssen in derselben Auswertung sichtbar sein
Bundesweite Werte sind nützlich für die Einordnung des Gesamtmarkts. Lokale Entscheidungen brauchen eine zeitlich und räumlich feinere Sicht. Für jeden Standort sollte erkennbar sein, wie sich Nutzung nach Stunde, Wochentag und Saison verteilt. Ebenso wichtig sind Standorttyp und Nutzergruppe: Wohnquartier, Innenstadt, Einkaufsstandort, touristischer Punkt, Pendlerparkplatz, Autobahnnähe oder Logistikroute erzeugen unterschiedliche Muster.
Eine belastbare Standortakte verbindet diese Betriebsdaten mit erreichbarer Ladeleistung, Zahl der Stellplätze, Aufenthaltsdauer, alternativen Ladeangeboten und bekannten Ausbauplänen. Sie dokumentiert auch, wann die Daten exportiert wurden und ob Zählerwechsel, Tarifänderungen oder längere Störungen den Vergleich verzerren. So kann ein Stadtwerk zwei Standorte vergleichen, ohne Unterschiede in Zeitraum und Definition zu übersehen.
Installierte Leistung ist nicht gleich Netzspitze
Die vom BDEW genannte installierte Ladeleistung von mehr als elf Gigawatt darf nicht mit einer gleichzeitig auftretenden Netzlast gleichgesetzt werden. Für die lokale Netzbewertung zählen Gleichzeitigkeit, Leistungssteuerung, Anschlusskonzept und tatsächliche Fahrprofile. Gleichzeitig ist eine niedrige heutige Nutzung keine Garantie dafür, dass die Anschlussreserve langfristig reicht. Fahrzeugbestand, Ladeleistung und Nutzungsgewohnheiten verändern sich.
Für Verteilnetzbetreiber und Ladebetrieb entsteht daraus eine gemeinsame Planungsaufgabe. Der Betreiber kennt Nutzung und Ausbauabsicht, der Netzbereich kennt Anschluss und lokale Betriebsmittel. Beide sollten mit einer versionierten Lastannahme arbeiten. Diese enthält einen heutigen Messstand, ein realistisches Wachstumsszenario und einen Grenzfall. Werden Ladepunkte erweitert oder leistungsstärkere Hardware eingesetzt, muss sichtbar sein, welche Annahme dadurch überholt wird.
Technische Verfügbarkeit gehört neben die Kundensicht
Der BDEW berichtet außerdem, dass 91 Prozent der befragten Nutzer ihre Erwartungen an das öffentliche Ladeangebot erfüllt oder übertroffen sehen. Solche Befragungswerte geben eine wichtige Perspektive wieder, ersetzen aber keine eigene Serviceanalyse. Ein Ladepunkt kann im Backend als verfügbar erscheinen und vor Ort trotzdem nicht nutzbar sein, etwa wegen eines blockierten Stellplatzes, eines defekten Displays, Kommunikationsproblemen oder einer gescheiterten Authentifizierung.
Eine praxisnahe Qualitätsmessung verbindet deshalb Systemstatus und Nutzerereignis. Für jede Störung sollte nachvollziehbar sein, wann sie erkannt wurde, ob ein Ladevorgang betroffen war, wie lange die Einschränkung dauerte und welche Information der Kunde erhielt. Auch Hotline- und App-Rückmeldungen sind wertvoll, wenn sie datensparsam und mit einer eindeutigen Standortkennung erfasst werden. So entsteht aus Technikdaten ein prüfbarer Serviceprozess.
Kostenvergleiche brauchen sichtbare Annahmen
Im Elektromobilitätsmonitor vergleicht der BDEW verschiedene Ladeszenarien mit Benzinkosten. Genannt werden unter anderem ein umgerechneter Wert von 0,28 Euro je Liter beim Laden mit Strom aus der eigenen Photovoltaikanlage und 1,56 Euro je Liter für das teuerste untersuchte Szenario des Schnellladens bei einem Roaming- oder Fremdanbieter; als Vergleich werde ein Benzinpreis mit Tankrabatt von 2,17 Euro je Liter angesetzt. Solche Vergleiche können Orientierung geben, hängen aber von Fahrzeugverbrauch, Stromquelle, Tarif, Roaming und Bezugszeitraum ab.
Für Stadtwerke ist die methodische Transparenz wichtiger als die zugespitzte Vergleichszahl. Kundenservice und Kommunikation sollten angeben, welcher Verbrauch, welche Tarifart und welche Preisbestandteile verwendet wurden. Ein Durchschnittstarif darf nicht als garantiertes individuelles Ergebnis erscheinen. Wer Annahmen sichtbar macht, kann Kosten verständlich erklären, ohne aus einer Modellrechnung ein Preisversprechen zu machen.
Das Lkw-Laden verlangt eine eigene Datenlogik
Der BDEW nennt rund 790 Standorte, an denen vollelektrische Lkw öffentlich laden könnten, und verweist zusätzlich auf Depotladen sowie die Mitnutzung leistungsstarker Pkw-Standorte. Für Stadtwerke ist das ein relevantes Wachstumssignal. Lkw-Laden unterscheidet sich jedoch bei Leistung, Flächenbedarf, Fahrkurven, Standzeiten und Reservierungsbedarf erheblich vom Pkw-Laden. Eine gemeinsame Gesamtzahl darf diese Unterschiede nicht verdecken.
Ein Lkw-Standort braucht Angaben zu Zufahrt, Rangierfläche, nutzbarer Anschlussleistung, Ladefenstern und erwarteter Energiemenge. Für Depotstandorte kommen Betriebsplan und Fahrzeugumlauf hinzu. Öffentliche Mitnutzung kann sinnvoll sein, muss aber technisch und räumlich belastbar sein. Die Standortakte sollte daher Fahrzeugklasse und Nutzungsszenario als Pflichtfelder führen.
Eine minimale Ladebetriebsakte reicht für den Anfang
Ein Stadtwerk muss dafür kein überladenes Berichtswesen schaffen. Ein minimaler Datensatz pro Standort genügt: eindeutige Standort- und Ladepunktkennung, technische Leistung, Anschlussleistung, Status, belegte und aktive Ladezeit, Energiemenge, Störungsdauer, Tarifkontext und Datenstand. Änderungen an Hardware, Backend oder Tarif werden als Ereignis ergänzt. Personenbezogene Bewegungsprofile sind dafür nicht erforderlich.
Monatlich sollte geprüft werden, welche Standorte vom erwarteten Muster abweichen. Eine Abweichung ist zunächst ein Klärpunkt: Sind Daten vollständig? Gab es Störungen? Hat sich das Umfeld verändert? Erst danach folgt die Entscheidung über Ausbau, Anpassung, bessere Sichtbarkeit oder gegebenenfalls Rückbau. Diese Reihenfolge verhindert, dass ein fehlerhafter Datenstand direkt zu einer Investitionsentscheidung führt.
Die Kennzahl wird zur Entscheidung, wenn ihre Grenze sichtbar bleibt
Mehr als 220.000 öffentliche Ladepunkte sind ein starkes Zeichen für den Ausbau des Marktes. Die durchschnittliche Belegung von 13 Prozent spricht nach BDEW-Angaben für verfügbares Angebot. Für Stadtwerke beginnt die operative Frage eine Ebene tiefer: Welche Standorte erfüllen welchen Zweck, wann treten Spitzen auf, wie zuverlässig ist der Service und welche Netzannahme trägt den weiteren Ausbau?
Wer diese Fragen in einer gemeinsamen Standort- und Betriebsakte beantwortet, kann Investitionen, Netzplanung und Kundeninformation auf denselben Datenstand beziehen. Der bundesweite Mittelwert bleibt dabei wertvoll. Er wird aber als Vergleichsrahmen genutzt und nicht als Ersatz für lokale Evidenz.