Die Antwort zuerst: Die Plattform ist ein Suchraum, kein Projektportfolio

Die Plattform für Abwärme der Bundesstelle für Energieeffizienz schafft erstmals eine bundesweite Übersicht zu gewerblichen Abwärmepotenzialen. Mit Datenstand 30. September 2026 umfasst sie nach Angaben der BfEE mehr als 3.000 Firmen, über 24.000 gemeldete Potenziale und eine gesamte jährliche Abwärmemenge von 209 Terawattstunden. Die Daten sind öffentlich online und als Download zugänglich; eine Registrierung ist für die Nutzung der veröffentlichten Daten nicht erforderlich. Für Stadtwerke ist das ein relevantes neues Planungssignal.

Die große Zahl darf jedoch nicht mit technisch erschließbarer, vertraglich gesicherter oder wirtschaftlich lieferbarer Wärme gleichgesetzt werden. Ein gemeldetes Potenzial beschreibt zunächst eine Quelle mit bestimmten Merkmalen. Ob daraus ein Beitrag für ein Wärmenetz, ein Quartier oder einen einzelnen Abnehmer werden kann, hängt unter anderem von Temperatur, Medium, zeitlichem Anfall, Entfernung, erforderlicher Aufbereitung und der langfristigen Verfügbarkeit des Betriebs ab. Stadtwerke sollten die Plattform deshalb als Suchraum nutzen und passende Treffer anschließend in einer Quellenakte qualifizieren.

Was der neue Datenstand tatsächlich leistet

Die Plattform ist in § 17 Energieeffizienzgesetz verankert und wird von der BfEE im Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle umgesetzt. Nach der öffentlichen Erläuterung betrifft die Informationspflicht grundsätzlich Unternehmen mit mehr als 2,5 Gigawattstunden jährlichem Gesamtendenergieverbrauch im Durchschnitt der letzten drei Kalenderjahre. Die BfEE weist außerdem auf geltende Bagatellschwellen und weitere Einzelheiten im Merkblatt hin. Für die Projektentwicklung ist wichtig, dass die veröffentlichten Daten regelmäßig aktualisiert werden. Seit September 2025 werden Unternehmens- und Melde-IDs angegeben, damit sich Entwicklungen leichter nachvollziehen lassen.

Damit entsteht eine deutlich bessere Ausgangslage für die erste räumliche Suche: Welche gemeldeten Quellen liegen in der Nähe bestehender Netze, möglicher Erweiterungsgebiete oder großer Wärmeabnehmer? Welche Potenziale könnten mit kommunalen Wärmeplänen oder laufenden Transformationsplanungen abgeglichen werden? Und bei welchen Quellen lohnt sich ein erstes Fachgespräch? Die Plattform beantwortet diese Fragen nicht abschließend. Sie senkt aber den Aufwand, um Kandidaten überhaupt sichtbar und über Aktualisierungen hinweg wiederauffindbar zu machen.

Vier Prüfungen vor jeder Projektannahme

Eine belastbare Quellenakte sollte vier Ebenen trennen. Erstens die räumliche Passung: Luftlinie, tatsächlicher Trassenkorridor, Querungen, Eigentumsverhältnisse und Höhenlage sind unterschiedliche Größen. Ein naher Kartenpunkt kann baulich schwer erreichbar sein; ein etwas weiter entfernter Standort kann entlang vorhandener Infrastruktur besser anschließbar sein.

Zweitens die thermische Passung: Temperaturbereich, Wärmeträger, Verschmutzung, Druckniveau und Schwankungen bestimmen, ob Wärme direkt genutzt oder über Wärmetauscher und Wärmepumpe angehoben werden muss. Entscheidend ist die nutzbare Wärme am Übergabepunkt, nicht allein die am Prozess ausgewiesene Menge. Hilfsenergie und Rücklauftemperaturen gehören deshalb von Beginn an in die Betrachtung.

Drittens die zeitliche Passung: Jahresmengen glätten Betriebsunterbrechungen, Schichten, Wartungen und saisonale Änderungen. Ein Wärmenetz braucht jedoch stündliche beziehungsweise betriebstypische Profile und eine Antwort auf die Frage, welche Leistung an kalten Tagen gesichert zur Verfügung steht. Eine hohe Jahresmenge kann wertvoll sein, ohne die Spitzenlast des Netzes zu decken. Umgekehrt kann eine kleinere, kontinuierliche Quelle für die Grundlast besonders interessant sein.

Viertens die betriebliche und vertragliche Passung: Wer betreibt Wärmetauscher, Leitung und Wärmepumpe? Welche Daten dürfen ausgetauscht werden? Wie werden geplante Stillstände angekündigt? Was geschieht bei Produktionsänderungen, Standortverlagerung oder Ausfall? Bevor Mengen in eine kommunale Wärmestrategie einfließen, braucht es klare Rollen, Messgrenzen, Verfügbarkeitsannahmen und einen benannten nächsten Prüfauftrag.

Eine Quellenakte hält Potenzial und Evidenz auseinander

Für jeden relevanten Treffer genügt zunächst ein schlanker Datensatz: Plattform-Melde-ID und Datenstand, Standortbezug, gemeldete Jahresmenge, Temperatur- und Medienangaben, vermutetes Zeitprofil, Distanz zu Netz oder Abnehmer, offene technische Fragen, Kontaktstatus und nächster Prüfschritt. Ergänzt werden nur Informationen, die tatsächlich erhoben oder vom Quellenbetreiber bestätigt wurden. Annahmen bleiben als Annahmen gekennzeichnet.

Diese Trennung schützt vor zwei typischen Fehlentwicklungen. Zum einen verhindert sie, dass eine Potenzialkarte politisch oder vertrieblich bereits wie eine Anschlusszusage wirkt. Zum anderen verhindert sie, dass interessante Quellen wegen unvollständiger Daten vorschnell verworfen werden. Ein Treffer kann zunächst als prüfwürdig geführt werden, ohne dass technische Machbarkeit oder Wirtschaftlichkeit behauptet wird.

Die Unternehmens- und Melde-IDs der Plattform helfen dabei, Aktualisierungen nachzuhalten. Stadtwerke können in einem festen Rhythmus prüfen, ob sich Angaben geändert haben, ob neue Quellen im Versorgungsgebiet hinzugekommen sind oder ob ein bereits betrachteter Treffer nicht mehr vorliegt. Dabei sollte jeder Vergleich den jeweiligen Datenstand dokumentieren; die Plattform ist eine fortgeschriebene Datenquelle und kein unveränderliches Registerbild.

Wärmeplanung und Projektentwicklung brauchen eine gemeinsame Übergabe

In der kommunalen Wärmeplanung können Abwärmepotenziale als lokale Option erscheinen. Die Projektentwicklung muss daraus anschließend belastbare Arbeitspakete machen. Dafür braucht es einen definierten Übergabepunkt zwischen Kommune, Stadtwerk, Quellenbetreiber und gegebenenfalls Wärmenetzplanung. Übergeben werden nicht nur Kartenpunkte, sondern Datenstand, Aussagegrenze, offene Fragen und der nächste fachliche Schritt.

Eine sinnvolle Reihenfolge lautet: öffentlichen Datensatz sichten, räumlich eingrenzen, Angaben auf Aktualität prüfen, erstes Gespräch mit dem Quellenbetreiber führen, thermisches und zeitliches Profil klären, Trassen- und Einbindungskonzept skizzieren und erst danach Varianten wirtschaftlich vergleichen. So wird aus einem bundesweiten Potenzialsignal ein lokaler Prüfpfad.

Die 209 TWh sind ein Arbeitsauftrag mit klarer Grenze

Der aktuelle Umfang der Plattform zeigt, dass gewerbliche Abwärme systematisch sichtbar wird. Er sagt nicht, welcher Anteil davon in einem konkreten Stadtwerk erschließbar ist. Genau diese Grenze macht die Daten für eine seriöse Projektarbeit wertvoll: Sie liefern einen nachvollziehbaren Startpunkt, während technische, zeitliche, räumliche und vertragliche Eignung ausdrücklich offenbleiben.

Stadtwerke sollten deshalb weder auf die perfekte Datenlage warten noch die Gesamtsumme als fertiges Wärmepotenzial verbuchen. Eine Quellenakte verbindet beides: Sie nutzt die neue Transparenz früh, hält Unsicherheiten sichtbar und führt nur belegte Erkenntnisse in Wärmeplanung, Netztransformation und Investitionsprüfung weiter.